Die Pflege eines an Demenz erkrankten Menschen ist eine der tiefgreifendsten Aufgaben, die man im Leben übernehmen kann.
Sie ist ein Akt der Liebe, des Mitgefühls und der Verbundenheit. Doch sie ist auch ein Marathon, der unendlich viel Kraft kostet.
Wenn Sie diesen Artikel lesen, fühlen Sie sich möglicherweise oft erschöpft, überfordert oder allein. Vielleicht fragen Sie sich, wo die Person geblieben ist, die Sie kannten, und wie lange Sie das noch durchhalten können.
Lassen Sie uns eines klarstellen: Diese Gefühle sind normal. Sie sind keine Schwäche, sondern eine menschliche Reaktion auf eine ausserordentliche Belastung.
Sie sind einer der vielen “stillen Helden”, die täglich Unglaubliches leisten. Doch auch Helden brauchen Pausen und Unterstützung.
In diesem Artikel geben wir Ihnen 5 praxiserprobte Tipps, die Ihnen helfen, wieder durchzuatmen, Ihre eigene Resilienz zu stärken und neue Kraft für den Pflegealltag zu finden.

Die tiefere Recherche: Was pflegende Angehörige wirklich fühlen
Unsere Recherchen in Foren, Studien und Gesprächen zeigen ein klares Bild: Die grösste Last ist oft unsichtbar. Es ist die emotionale und psychische Belastung.
- Die ständige Anspannung: Der Umgang mit Verhaltensänderungen wie Aggression, Misstrauen oder ständigen Wiederholungen zerrt an den Nerven.
- Die tiefe Trauer: Angehörige trauern oft schon um den Verlust der Persönlichkeit des geliebten Menschen, während dieser noch da ist.
- Die erdrückenden Schuldgefühle: Der Gedanke, eine Pause zu brauchen, gereizt zu reagieren oder über ein Pflegeheim nachzudenken, löst bei vielen massive Schuldgefühle aus.
- Die soziale Isolation: Das Leben zieht sich immer mehr in die eigenen vier Wände zurück, Freundschaften und Hobbys bleiben auf der Strecke.
Genau hier setzen wir an. Diese Tipps sind nicht nur gut gemeinte Ratschläge, sondern konkrete Strategien, die auf diese Kernprobleme eingehen.
Tipp 1: Die Realität annehmen – Und in die Welt des Erkrankten eintreten
Es ist ein menschlicher Impuls, die Realität korrigieren zu wollen. “Nein, Papa, deine Frau ist nicht im Supermarkt, sie ist vor fünf Jahren verstorben.”
Solche Sätze sind logisch richtig, aber im Umgang mit Demenz oft schmerzhaft und kontraproduktiv. Sie führen zu Frust auf beiden Seiten und kosten Sie unendlich viel Energie.
Was Sie stattdessen tun können (Die “Validationsmethode”):
- Gefühle statt Fakten bestätigen: Betreten Sie die emotionale Welt des Erkrankten. Statt zu korrigieren, bestätigen Sie das Gefühl hinter der Aussage.
- Statt: “Dein Mann ist tot.”
- Versuchen Sie: “Du vermisst deinen Mann sehr, nicht wahr? Erzähl mir von ihm. Was hat er immer Schönes gesagt?”
- Nicht argumentieren, sondern ablenken: Wenn der Erkrankte darauf besteht, zur Arbeit gehen zu müssen, vermeiden Sie einen Streit.
- Statt: “Du bist seit 20 Jahren in Rente!”
- Versuchen Sie: “Ja, gleich gehen wir los. Aber vorher trinken wir noch diesen leckeren Kaffee, den du so magst, einverstanden?”
- “Ja, und…”-Technik: Nehmen Sie die Aussage an und fügen Sie etwas hinzu, das die Situation lenkt. “Ja, wir müssen auf den Bus warten, und während wir warten, können wir dieses Fotoalbum ansehen.”
Warum das Kraft spart: Sie beenden zermürbende und aussichtslose Diskussionen, bevor sie beginnen. Sie reduzieren Stress beim Erkrankten und damit auch bei sich selbst.
Akzeptanz bedeutet nicht aufzugeben, sondern die eigenen Kräfte für die Kämpfe aufzusparen, die wirklich wichtig sind.
Tipp 2: Radikale Selbstfürsorge planen – Ihre nicht verhandelbare Überlebensstrategie
Selbstfürsorge ist für pflegende Angehörige kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit. Stellen Sie sich vor, Sie versuchen, aus einer leeren Kanne Wasser zu giessen – es ist unmöglich.
Nur wenn Sie Ihre eigenen Reserven auffüllen, können Sie nachhaltig für jemand anderen sorgen.
Machen Sie Selbstfürsorge zu einem festen Termin:
- Mikro-Pausen im Alltag: Es müssen keine Wellness-Wochenenden sein. Planen Sie mehrmals täglich 5-Minuten-Inseln ein.
- Setzen Sie sich ans offene Fenster und atmen Sie zehnmal tief durch.
- Hören Sie über Kopfhörer ein einziges Lied, das Ihnen Kraft gibt.
- Machen Sie eine Tasse Tee und trinken Sie diese, ohne dabei etwas anderes zu tun.
- Bewegung als Ventil: Stresshormone werden durch körperliche Aktivität abgebaut. Ein strammer 20-minütiger Spaziergang kann die Anspannung des ganzen Tages lösen.
- Planen Sie Ihre “Sauerstoffmaske”: Sichern Sie sich einmal pro Woche eine längere Auszeit von 1-2 Stunden, die nur Ihnen gehört. Ob es ein Treffen mit Freunden, Sport oder einfach nur ein Bad in Stille ist – dieser Termin ist heilig und nicht verhandelbar.
Warum das Kraft gibt: Sie durchbrechen den Teufelskreis der permanenten Anspannung und Erschöpfung. Sie signalisieren Ihrem eigenen System, dass auch Ihre Bedürfnisse zählen. Das ist die Grundlage, um Burnout vorzubeugen.
Tipp 3: Lernen, Grenzen zu setzen und Hilfe aktiv einzufordern
Einer der grössten Mythen in der Pflege lautet: “Ich muss das alles allein schaffen.” Das ist nicht nur falsch, es ist gefährlich.
Viele Angehörige wissen zudem gar nicht, welche Hilfsangebote existieren oder scheuen sich, danach zu fragen.
So werden Sie zum Manager Ihrer Unterstützung:
- Erstellen Sie eine Aufgabenliste: Schreiben Sie alles auf, was getan werden muss vom Einkaufen über Arzttermine bis zur reinen Anwesenheit.
- Bieten Sie konkrete Aufgaben an: Wenn Freunde oder Familie fragen “Kann ich was tun?”, antworten Sie nicht mit “Danke, geht schon.” Antworten Sie mit: “Ja, könntest du am Donnerstag den Einkauf übernehmen oder für eine Stunde hier sein, damit ich in Ruhe duschen kann?” Menschen helfen lieber, wenn sie eine klare Aufgabe haben.
- Informieren Sie sich: Erkundigen Sie sich bei der Pflegekasse, lokalen Pflegestützpunkten oder der Alzheimer Gesellschaft über Entlastungsangebote wie Tagespflege, Verhinderungspflege oder Betreuungsgruppen.
Warum das Kraft gibt: Sie sind nicht mehr die einzige Säule, die die gesamte Last trägt. Jede kleine Aufgabe, die Sie abgeben, ist ein Gewinn für Ihr Energiekonto. Hilfe anzunehmen ist kein Zeichen von Schwäche, sondern ein Zeichen von kluger und vorausschauender Planung.
Tipp 4: Kommunikation, die wirklich ankommt
Die Kommunikation mit einem an Demenz erkrankten Menschen kann zur Geduldsprobe werden.
Wortfindungsstörungen, ständige Wiederholungen und das scheinbare Ignorieren von Gesagtem sind häufig.
Einfache Regeln für eine stressfreiere Kommunikation:
- Kurze Sätze, klare Botschaften: Vermeiden Sie komplexe Erklärungen oder Schachtelsätze. Ein Gedanke pro Satz.
- Ja/Nein-Fragen statt W-Fragen:
- Statt: “Was möchtest du heute anziehen?” (überfordernd)
- Versuchen Sie: “Möchtest du heute den blauen oder den roten Pullover anziehen?” (bietet eine klare Wahl)
- Nutzen Sie nonverbale Kommunikation: Eine freundliche Berührung am Arm, ein warmes Lächeln und direkter Blickkontakt sagen oft mehr als tausend Worte. Sie vermitteln Sicherheit und Zuneigung, auch wenn der Inhalt der Worte nicht mehr verstanden wird.
Warum das Kraft gibt: Sie vermeiden Missverständnisse und die daraus resultierende Frustration. Erfolgreiche kleine Interaktionen geben Ihnen das Gefühl von Verbindung und Kompetenz zurück.
Tipp 5: Professionelle Entlastung als Stärke, nicht als Scheitern
Es wird Momente geben, in denen all diese Tipps an ihre Grenzen stossen. Wenn die Schuldgefühle, die Trauer und die Erschöpfung übermächtig werden, ist es ein Zeichen von grosser Stärke, sich professionelle Unterstützung zu suchen. Sie müssen diesen Weg nicht allein gehen.
Ein externer, professioneller Gesprächspartner kann Ihnen den Raum geben, den Sie sonst nirgends finden: einen Ort, um ohne Urteil über Ihre Wut, Ihre Verzweiflung und Ihre Ängste zu sprechen.
Er kann Ihnen helfen, Ihre eigenen Muster zu erkennen und individuelle Strategien für Ihre Resilienz zu entwickeln.
Das ist kein “Aufgeben”, es ist das Gegenteil. Es ist das aktive Aufladen Ihrer Batterien, damit Sie weiterhin liebevoll und geduldig für Ihren Angehörigen da sein können.
Bei care2day haben wir uns genau darauf spezialisiert. Unsere professionell ausgebildeten Mental Mentoren verstehen Ihre Situation und bieten Ihnen per Telefon eine individuelle, persönliche Betreuung. Sie sind Ihr Anker, Ihr Ventil und Ihr strategischer Partner auf diesem herausfordernden Weg.
Fühlen Sie sich angesprochen? Dann machen Sie jetzt den ersten Schritt. Ein kostenloses und unverbindliches Erstgespräch kann Ihnen bereits neue Perspektiven eröffnen. Sie haben es verdient, dass sich jemand auch um Sie kümmert.